Gaskrank  - Das Buch

"Gaskrank" - Leseproben

Es wird Winter
Unaufhaltsam bricht die vierte Jahreszeit herein: Die Tage werden kürzer, die Nächte in der Garage kälter. Die kleine Spaltmaschine steht mehr oder weniger gestrippt auf der Hebebühne und wartet auf Zückerchen aus den umliegenden Tuner-Tempeln. Eine vierzylindrige Boden-Boden-Rakete ist wie eine schöne Frau, und es findet sich immer wieder ein Accessoire, dass sie noch schöner macht. Jedes neue Teil wird zunächst liebevoll ausgepackt, begutachtet und der unwissenden Familie vorgeführt. Obwohl du von der eigenen Frau eher wie ein kleiner Junge gemustert wirst, der gerade eine neue Carrerabahn bekommen hat, nimmst du das neue Teil für eine Nacht mit ans Bett. Kurz vor dem Einschlafen schaust du ob es noch brav auf dem Nachttisch liegt, und freust dich auf den nächsten Tag, wenn du es vorsichtig einbaust.

Du streichelst deiner Kleinen liebevoll über die geschmeidigen Hüften und erfreust dich am Anblick jedes einzelnen Details. Schnell ist ein kleiner Lappen zur Hand, um die geliebte Mopette von diversen, netzhautreizenden Flecken und Aufzündresten zu befreien. Ein kleines Lächeln macht sich breit und du beschließt, genau jetzt ein schönes Bier (oder ein Korea) zu trinken. Der Blick streift über die aus dem Vollen gefräste Fußrastenanlage, die herrlich zusammengeschweißte Schwinge, die kunstvoll verlegten und wunderschön angelaufenen Krümmer oder die golden beschichteten Gabelholme.

Schließlich besteigst du die Kleine, lässt die Hände gefühlvoll über den Tank bis an die Alu-Stummel gleiten, ziehst die Füße auf die Rasten, und rutscht automatisch in eine geduckte Haltung ...

Ein Samstag im Keller
... jetzt mache ich mich an die vorbereitenden Arbeiten, damit der Tank von innen versiegelt werden kann. „Lösung im Verhältnis eins zu eins mit heißem Wasser mischen und in den Tank geben. Den Tank schwenken, damit die Lösung den Tank gründlich benetzen kann. Lösung zwei Stunden wirken lassen. Dabei regelmäßig den Tank schwenken. Den Tank anschließend gründlich mit Wasser ausspülen. Diesen Vorgang dreimal wiederholen."

„Na toll", denke ich. Das bedeutet, ich darf den kompletten Samstag Nachmittag in diesem Arsch kalten, ungemütlichen Keller verbringen. Wie viele Männer in Deutschland wohl in einer ähnlichen Situation sind? ...

... wahrscheinlich wird in Kürze ein Sondereinsatzkommando der Polizei den Keller stürmen, weil Frau Beukenberg dort ein geheimes Labor zur Herstellung synthetischer Drogen vermutet. Oder sie siedelt mich in einer terroristischen Zelle an und im Keller baue ich Bomben, auf denen „Ducati" steht ...

Continentaldrift
... seit ich denken kann, wollte ich unbedingt mal bei den 1000km mitfahren, aber irgendwie hatte es bisher nie geklappt. Eigentlich wollte ich 2006 mit meinem Endurance-Teamchef Konrad „Wuschel" Schittko die 1000 in Angriff nehmen, aber unsere neue Waffe, eine carbonisierte Superduke, würde erst Ende April im Basislager eintreffen. Und so entschied sich Konrad, der neben KTM- auch Aprilia-Händler ist, mit einem Noale-Produkt zu fahren und unserem Langstrecken-Mechaniker Markus die höheren Zündweihen zu erteilen. Als ich Wuschelkonni darauf ansprach, dass ich mit seinem alten Seriensportkollegen und 3-fachen deutschen Meister der letzten Jahre gegen ihn anzutreten gedenke, lachte er schelmisch und meinte lapidar, er würde mich elendiglich thermonuklearisieren.

„Lieber Wuschel", konterte ich eiskalt, „da müssen schon Männer oder Maschinen kommen, keine ferngesteuerten Unterhosen!" Perplex sprach er in der Folgezeit kein Wort mehr mit mir. Zwei Wochen vor dem großen Tag bekam ich wieder eine Kurzmitteilung von Rainer: „Hallo Bruder, ich war heute 150 km mit dem Rennrad unterwegs! Bin fit wie ein Junger!"

„Hallo Hässlicher, habe heute den Himalaya über die schwerere Westroute bezwungen, ohne Sauerstoff und nur mit einem racing4fun-T-Shirt bekleidet. Meine beiden Sherpas haben
es nicht überlebt."

... da Karfreitag war und mir meine Oma verboten hatte, Fleisch zu mir zu nehmen, fragte ich Rainer, ob er etwas Fisch oder Gemüse dabei hätte. Er führte mich in seinen Anhänger, wo etwas geheimnisvoll vor sich hin brutzelte und flüsterte mir ins Ohr: „Bundy, was da in der Pfanne liegt ist ein Pygocentrus Piraya, ein schwarzer Piranha! Den hab ich gestern mit dem nackten Penis aus dem Piranhabecken der Wilhelma geangelt. Den essen wir jetzt zur Erhöhung unserer Grundaggressivität." Ich war konsterniert.

Zwar hatte ich gewusst, dass Zweizylinderfahrer manchmal zu seltsamen Methoden greifen um ihre Gegner unter Druck zu setzen: Gerüchten zufolge hatte Aprilia-Wuschelkonrad vor zwei Jahren vor Rainers Augen auf ein Ducati-Prospekt uriniert – aber dieser Voodoo-Zauber mit dem Pygocentrus Piranya kam mir jetzt doch etwas übertrieben vor. Weil ich Rainer aber nicht enttäuschen wollte, aß ich die Hälfte von dem toten Raubfisch. Zum Glück schmeckte er gebraten nicht mehr nach dem Köder ...

Oschersleben
... „Hömma, auf dem Reifen kannze direkt ausse Garage auffem Knie abbiegen!" Das hatte mir Dachdecker-Andi neulich mit dem Brustton der Überzeugung erklärt. Andi musste es wissen, denn Andi ist schnell und ein Könner.

Vor Jahren ist er einmal in einer Fernseh-Talkshow am Nachmittag aufgetreten. Thema war natürlich der Straßenverkehr, dessen vernünftige Regulierung, und der ewige Zwist zwischen Motorrad- und Autofahrern. Andi war wohl vorbereitet: Auf der Brust seines T-Shirts prangte ein großer roter Honda-Flügel, und darunter war zu lesen „Ich kriege euch alle!".

Die Ärmel waren mit Sponsoren-Logos und einem kursiv gesetzten „Andi" verziert: „Wenn auffe Landstraße 100 erlaubt ist und einer krötet mit sechzich vor mir her, dann is dat Nötigung! Dann schnupf ich den auf, auch wenn Überholverbot is!" ...

So war das heute
... ich komme also mit anständig Feuer angeflogen, schalte diverse Gänge runter, Papi mit der Videokamera holt sich beim Mitfilmen eine Hexenschuss, ich fahre den der Links vorgelagerten Rechtsknick auf der Bremse an und winkle dann die Duc ab. Tief. Tiefer. Noch nicht tief genug!!

Also Gas. Einfach genial!! Der nächste Winkel. Wieder absolut einsehbar, wieder breit, wieder griffig, wieder keine Dose weit und breit zu sehen. Jetzt gilt's: Ich lasse mich ganz nach links tragen, bremse diesmal einfach nicht. Arsch nach rechts, Knie und Kopf nach vorne und nach innen, und wie ich mich so durch die Kurve treiben lasse, merke ich, daß ich unter dem Rückspiegel hindurch nach vorne schaue. Eh klar, gepflegtestes Hanging-Off!

Es ist an der Zeit, ein „Einfach geil!!!" in den Helm zu brüllen ...

Ampelstart
... nur noch wenige Sekunden bis zum Verlöschen von rot. Er legt seine Rechte langsam auf den Gasgriff, bewehrt von einem schwarzen Handschuh mit Carbon-Applikationen. Es ist keine Hand. Es ist die tödliche Klaue eines Alien.

Ich will nach Hause. Mir ist schlecht. Noch drei oder vier Sekunden. Was soll ich nur tun? Die Augen nach wie vor zu Schlitzen verkniffen durchwühle ich die vielen Schubladen in meinem Kopf, die sich in dem Schrank mit der Aufschrift „Ausweg" verbergen. Soll ich versehentlich den Motor abwürgen? Als Versager da stehen? Ich könnte eine Ohnmacht vortäuschen. Geht aber nicht wegen der Lackschaden-Gefahr, wenn ich dabei mit meiner Ducati umkippe.

Und wenn ich aus heiterem Himmel von einem Blinddarm-Durchbruch ereilt werde? Dann müsste er sogar Erste Hilfe leisten!

Einen Augenblick später springt die Ampel auf grün und ...

Ich fahr gerne Motorrad
... in der nächsten, gut einsehbaren Links braucht man die ganze Straßenbreite, die allerdings nach innen harsch von der Leitplanke begrenzt wird.

Also fein aufgepasst, dass man in Schräglage nicht mit den Handguards am Plankenblech hängen bleibt. Obwohl - wäre ja auch nicht so schlimm. Schließlich hat der Kürbis noch Garantie und ein angeschliffener Handschutz ist ja kein normaler Verschleiß und müsste demnach kostenlos getauscht werden.

Es folgt das Anbremsen in den brutalsten 120°-Rechtsknick, der jemals von unterbezahlten Straßenbauarbeitern geteert wurde. Beim Anbremsen denke ich daran, dass ich unbedingt die neue Husky Probe fahren muss, da die an diesem Haufen verbaute P4-Bremse dem KTM-Stopper um Welten überlegen sein soll.

Im Scheitelpunkt bricht mir die Sau beim Gasanlegen hinten aus ...

Himmel und Hölle
... vor mir tauchte langsam aber sicher ein Fahrer in einer relativ zerschossenen Kombi auf. Je näher ich kam, desto sicherer war ich mir, dass dies nur der K3-Franz sein konnte, der zur Tarnung auf einer weiteren ZX-10 unterwegs war.

Exakt sieben Minuten vor dem Ende war ich in der letzten Rechts an seinem Hinterrad und freute mich schon auf ein paar weitere lustige Minuten. Doch was war das? Roch ich da etwa eine Bierfahne? Ja, es war eindeutig Biergeruch, der mir da aus dem Helm von Franz entgegenwehte. Eine Farce. Wenn ich hinter jemandem herfuhr dann wollte ich entweder den Duft der großen, weiten Welt in Form von Korea riechen, oder alternativ Zweitaktöl (vorzugsweise TTS), oder wenigstens verbrannten Gummi!

Ich musste ihn also überholen, und zwar so schnell wie möglich. Mein Plan sah wieder die Hasseröder als Schlachtfeld vor, aber am Ende der Zielgeraden blieb ich mit meinen langen Siebenmeilenstiefeln beim Runterschalten einmal mehr an dem blöden Knubbel hängen, der sich rechts neben dem Schalthebel befindet und landete im Leerlauf.

Yiiiieeehaaaaaaaah, was für ein Gefühl, wenn man extra spät auf der Bremse war, und dann schon in Linksschräglage im Stoppie aufs Kiesbett zubremst. Ich nutzte die grün angepinselte Fläche vor dem Kiesbett voll aus und konnte mit klopfendem Herzilein wieder auf die Strecke zurück. Nun beschloss ich etwas zu tun, das Freens später als Essenz der Vernunft bezeichnen sollte ...

Carls Hammer
... die Menschen drängeln sich aneinander, bewaffnet mit Zuckerwatte, Popcorn und Digitalkameras.

Der Ledermann ist alleine mit seinem Vauzwei. Er ist mit sich im Reinen. Die Welt schrumpft auf die Faktoren „Spaß und Asphalt". Er gibt die Bestie frei, lässt die Zügel locker, und mit mächtigen Sätzen stürmt Carls Hammer über die Oscherslebener Steppe. Sanft streicht das Knie des Ledermannes das erste Mal über den Asphalt.

Als der Ledermann die Zielgerade hinunter donnert, nimmt er aus den Augenwinkeln die tobende Menschenmenge wahr. Die anwesenden Frauen reißen Schilder mit der Aufschrift
„Mach mir ein Kind" in die Höhe. Die Bestie knurrt: „Lass mich jetzt laufen."

Der Ledermann stellt die Drosselklappen auf maximalen Durchlass. Das Brüllen wird zum Orkan, ein schwarzer Strich als Visitenkarte – das Biest reißt den Ledermann wie eine Kanonenkugel aus dem Eck. Die anwesenden Frauen werfen erste Kleidungsstücke auf den Asphalt ...

Korea
trad.

Getränk, welches zu gleichen Teilen aus Cola und Rotwein gemischt wird. Per Definition Hauptnahrungsmittel des Wemsers und des Aufzünders, welchem, vergleichsweise dem Zaubertrank der Gallier, übernatürliche Kräfte nachgesagt werden.

Die häufigsten Nebenwirkungen, bei übermäßigem Genuss, sind unter anderem: Sprachstörungen [bei schwerem Missbrauch bis zum totalen Verlust der Muttersprache], Halluzinationen, Harninkontinenz, Gleichgewichtsstörungen, Grobmotorik, schwarzer Stuhl, Wahnvorstellungen und vorübergehende Blindheit.

Die positive Wirkung des gemäßigten Koreagenusses auf die Geschwindigkeitsanhangdrüse [engl.: Speedhypophyse] ist nach einer umfassenden Untersuchung der ...

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Nicht ganz, aber so ähnlich ...

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